Sei wie ein Baum - so wurzelfest und stark


Ein intelligenter und begabter, kleiner Junge wächst in einem von klassischem Humanismus geprägten Elternhaus wohlbehütet auf. Wie prägt das politisch-diktatorische Umfeld, in dem er sich unvermittelt wiederfindet, seinen Werdegang? Diese bewegende und spannend geschriebene Geschichte erzählt authentisch von einer DDR-Vergangenheit, in der es zwischen Republikflucht oder Stasi-Haft einerseits und angepassten Mitläufern oder Nicht-Betroffenen andererseits sehr viele Menschen gab, die sich eindeutig gegen das System stellten, dadurch familiäre und berufliche Repressionen hinnehmen mussten, subtilen Erpressungen und enormen psychischem Druck ausgesetzt waren  und dennoch in ihrem zivilen Ungehorsam standhaft geblieben sind. Der Autor war seit seiner Jugend bis 1989 in der DDR einer mehr als zehnjährigen Stasi-Verfolgung ausgesetzt. Er schafft anhand seiner eigenen, wechselvollen Lebensereignisse eine Sicht auf die oftmals gefährliche Gratwanderung zwischen persönlichem Überlebenswillen und politischem Gewissen und gibt damit den Blick auf einen Alltag in Deutschland frei, von dem – gerade vergangen und immer noch nachwirkend – der jüngeren Generation kaum noch etwas bekannt ist.

Das Buch ist August 2007 im Gabriele Schäfer Verlag erschienen und kann hier oder über den Verlag bestellt werden.

ISBN:   978-3-933337-48-1

Leseprobe:

Einige Monate später bestätigte sich meine angesichts des doppelten Stacheldrahtzaunes um das Firmengelände, der Überwachungskameras und angesichts der Sensibilität der von uns verarbeiteten Daten  gehegte Befürchtung. Der Maschinenführer und Operator I der Anlage, an der ich arbeitete, hatte mir eines Tages ganz unumwunden davon erzählt, dass sein Vater hauptberuflicher Offizier beim Ministerium für Staatssicherheit  ist. Auch die Parolen in den Kollektivversammlungen ließen erahnen, wessen Kind diese Firma war. Aber ich lernte einen zukunftsweisenden Beruf und dabei interessierte es mich zunächst wenig, warum jemand, der für den Lehrerberuf politisch als zu unzuverlässig galt, nun in einem Stasi-Betrieb an brisanter Stelle arbeiten durfte. Das angeeignete Wissen über Dateistrukturen, Stapelverarbeitung, Bits, Bytes und Betriebssysteme konnte ich günstiger Weise in der täglichen Arbeit anwenden und üben, wobei mir auch die Kollegen immer hilfsbereit zur Seite standen – unter ihnen besonders eine ganz junge Frau, die mit ihren neunzehn Jahren eben die altersbezogen reguläre Facharbeiterausbildung abschloss und mir dadurch in einigen Wissensgebieten voraus war. Wir hatten uns schon mehrfach einmal in der Stadt auf eine Tasse Kaffee getroffen und gingen, da sie in meiner Schicht arbeitete, meist gemeinsam zur Mittagspause in die Kantine, wobei „Mittagspause“ in der Nachtschicht lediglich das Aufwärmen bereitgestellter Portionen bedeutete. Ute – so war ihr Name – besaß eine unkomplizierte, aufgeschlossene und sportliche Art, der Umgang mit ihr tat mir gut. Das Wort ‚Problem’ kannte sie nicht und ihr herzhaftes Lachen auch über Nebensächlichkeiten war oft in den Fluren des halben Gebäudes zu hören. Dann ging meine Facharbeiter-Ausbildung zu Ende, ich erhielt von meinem Ausbilder, den ich mittlerweile für mich selbst auch als Stasi-Offizier entlarvt hatte, mein Abschlusszeugnis ausgehändigt mit den Worten: „Leistung gut – alles andere typisch Amende!“, wurde vereinbarungsgemäß zum Operator II befördert und stellte fest, dass ich mich verliebt hatte. Welche Gefühle sonst resultieren, wenn man von seiner Ehefrau nicht wirklich geachtet wurde, sich dann über Jahre verstoßen wähnte und nun umschwärmt und gestreichelt wird? Es war ein leichtes Spiel, aber würden wir bei dem Altersunterschied von sieben Jahren eine gemeinsame Zukunft haben können? Durch ihre fröhliches Wesen zerstreute Ute alle Bedenken und ich gab mich diesem unerschütterlichen Optimismus nur gar zu gern hin.  Wir verbrachten mehr und mehr Zeit miteinander und fingen an, Pläne zu schmieden. Oft übernachtete sie bei mir, weil das einen für sie wesentlich kürzeren Arbeitsweg darstellte und wir ihn aufgrund der gleichen Schichteinteilung gemeinsam gehen konnten. In der Firma tolerierte man das frisch gebackene Pärchen mit schmunzelndem Wohlwollen und ich fühlte mich glücklich, wie lange nicht mehr. Wen wunderte es da noch, dass wir nach einiger Zeit den Entschluss fassten, zusammen zu ziehen? Zwar strahlte meine Junggesellen-Bleibe mittlerweile eine durchaus anheimelnde Behaglichkeit aus, aber um zusammen zu leben, musste doch noch einiges erneuert und ergänzt werden. Obwohl Utes Vater, der bei der DEWAG, der parteigesteuerten Werbeagentur der DDR arbeitete, unserer Beziehung – offenkundig wegen meiner Scheidung und meiner Unterhaltsverpflichtungen – anfänglich äußerst skeptisch gegenüberstand und ich zu ihm nie ein wirklich herzliches Verhältnis aufbauen konnte, kauften wir neue Möbel, Gardinen und diversen anderen Hausrat und bauten so an unserer Zukunft. Schöne und glückliche Sommermonate gingen ins Land und eines Tages während einer Frühschicht wurde ich unverhofft zu dem mir bis dahin unbekannten Abteilungsleiter zitiert. Ein nichtssagendes Gesicht bat mich, vor dem riesigen Schreibtisch Platz zu nehmen und mit unverhohlener Drohgebärde wurde ich wegen meines Verhaltens der letzten Wochen massiv angegriffen. ‚Was ist denn jetzt los?’, dachte ich völlig schockiert. Ich habe doch meine Arbeit immer mit Sachverstand und zuverlässig erledigt, bin nie zu einer Schicht zu spät gekommen, wie viele andere, die sich weniger gut an dieses Arbeitszeitsystem hatten gewöhnen können. Ich solle auf den Pfad der Parteilichkeit zurückkehren, hieß es, man hätte nun schon mehrfach mit mir gesprochen. ‚Tschuldigung, mit mir hat keiner über so etwas gesprochen!’, dachte ich, ‚vielleicht verwechselt er ja etwas.’ Gut, in der letzten Zeit war an verschiedenen Großrechnern im Haus der reguläre Papierverbrauch aufgrund von Fehldrucken umfangreicher Listen angestiegen. Man war deshalb zu einem anderen Abrechnungssystem für Verbrauchsmaterialien übergegangen und ich hatte kritisiert, dass anders abzurechnen, die Ursachen der Fehldrucke nicht beheben könne – demnach nichts anderes als Selbstbetrug sei. Doch ich hatte meine Kritik konstruktiv gemeint, wollte die Aufmerksamkeit vorsichtig auf die völlig veralteten Kettendrucker lenken, was man sonst so auch nicht hätte sagen dürfen. Konnte das die Ursache sein für jene rätselhafte Ungnade, in die ich nun offenbar gefallen war? – Wenn ich mich beweisen wolle, fuhr der Abteilungsleiter mit erstaunlicherweise jetzt deutlich aufgehelltem Gesicht fort, so wäre, der Partei beizutreten, ein überaus positives Signal und man könne dann sogar noch einmal über ein Studium nachdenken, womöglich wäre – ich hätte doch Pädagogik studiert – der Einsatz als Betriebsberufsschullehrer denkbar. ‚Studium? Lehrer? Hatte ich da jetzt richtig gehört?’, klopfte mein Herz und ich wusste nicht, wie mir geschah. Erinnerungen und schon lange verloren geglaubte Träume waren plötzlich wieder gegenwärtig und die anfänglichen Einschüchterungsversuche dieses Gespräches schienen vergessen. „Ich werde es mir überlegen.“, antwortete ich mit offenbar freudig überraschtem Gesicht und verabschiedete mich freundlich. ‚„Genosse Amende“ – wie klingt das denn?’ Mir fiel wieder der Stasi-Offizier ein, der meine Facharbeiterprüfung kontrolliert hatte. Mit solcherlei Gedanken beschäftigt, ging ich zurück an meinen Arbeitsplatz. Eine äußerst reizvolle Versuchung, aber dann hätte ich mich ja auch mit Schuldirektoren herumstreiten können. Nach Schichtende versuchte ich, Ute eine Meinung zu entlocken, aber sie lachte nur: „Das musst du schon selber wissen!“. Der Ausweg könnte in einer Art Hinhaltetaktik bestehen, meinte ich, pokern zu können: Ich würde das Studium beginnen, vielleicht schon an der Berufsschule als Lehrer arbeiten und die SED-Mitgliedschaft soweit wie irgend möglich in die Zukunft verschieben. Ob das funktioniert? Ich hegte Zweifel, wollte jedoch keinesfalls dem Disziplinierungsapparat „Partei“ beitreten und ein anderer Ausweg schien nicht in Sicht. Ob mir die Eltern mit einem Rat würden helfen können? Oder überhaupt helfen wollen? Ich besuchte einen älteren Kollegen, den ich für einigermaßen vertrauenswürdig hielt und bat ihn unkonventioneller Weise um Hilfe. Lange hörte er mir zu und sagte dann: „Du hast die Antwort auf deine Frage bereits gefunden, Detlef.“ Ich verstand nicht ganz und zog enttäuscht von dannen. Zwei Wochen waren seit diesem Angebot vergangen, als man mich nachhaltig zu einer Stellungnahme drängte. In jener Spätschicht klingelte an meiner Rechenanlage der Dienstapparat und ich wurde gegen achtzehn Uhr in die Baracke der Berufsschule, in der man mir schon einige Unterrichtsräume gezeigt hatte, beordert. ‚Sei wie ein Baum, so wurzelfest und stark!’ Diese Mahnung meines Vaters schoss mir durch den Kopf, als die Tür des kleinen Zimmers, in dessen Mitte ich mich hilflos umblickend wiederfand, durch einen Stasi-Offizier von innen abgeschlossen wurde. Mein nächster Gedanke war: 'Ok, Leute - Flügel stutzen. Aber ihr kriegt mich nicht klein, nicht mich.' Dieses Mal waren es vier dieser undurchdringlichen Gesichter, die sich  in meine Seele fraßen,  dass mir das Blut in den Adern erstarrte und mir mein eben wiedergewonnenes Lächeln auf den Lippen zerbarst. Jetzt würde es um alles gehen. 'Ich kenne eure Namen nicht, aber ich weiß, wer ihr seid.', setzte ich mich auf den hölzernen Stuhl genau in der Mitte des Raumes, in dessen vier Ecken die Parteiabzeichen lauerten, die mir von allen Seiten meinen verbliebenen Stolz brechen wollten. Vor mir stand ein kleiner Tisch mit einigen Unterlagen. „Dies hat unsere sozialistische Gesellschaft für Sie vorbereitet, Herr Amende!“, nickte einer der vorn sitzenden Offiziere mir aufmunternd zu, als wäre er meinem Blick gefolgt. Ich nahm diese Papiere und schaute sie durch. Das eine war ein bereits genehmigter Antrag auf ein dreijähriges Fachschulstudium der Ökonomie und das andere ein mit meinen persönlichen Daten ausgefüllter Antrag auf Mitgliedschaft in der SED. Mir wurde klar: ‚Beides, oder gar nicht!’ Als man mein kurzes Zögern bemerkte, ertönte von hinten eine Fistelstimme: „Wenn Sie ihrem Vater nicht gerade dankbar sind, verstehen wir das. Aber unser Arbeiter- und Bauernstaat kann auch anders.“ Keiner greift meinen Vater an. Keiner! Ich schäumte vor Wut, Tränen stiegen mir in die Augen, wie von Ferne hörte ich mich sprechen: „Mit Speck fängt man Mäuse.“, und legte die Anträge mühsam beherrscht und mit langsamer Geste zurück. Ich forderte denjenigen, der abgeschlossen hatte, auf, die Tür zu öffnen und im Gehen vernahm ich noch den giftigen, inhaltlich nicht unwichtigen Hassausbruch: „Sie werden morgen nicht mehr an Ihrem Arbeitsplatz erscheinen!“